Eltern-Teen-Coach Katarina Gruler

Emotionale Überforderung bei Teenagern ist nicht immer laut und offensichtlich. Gerade die Jugendlichen, die funktionieren, sich anpassen und kaum auffallen, tragen oft mehr mit sich herum, als wir denken. In diesem Artikel erzähle ich aus meiner Erfahrung als Lehrerin, woran ich emotionale Überforderung bei Jugendlichen erkenne, warum wir hinter manches Verhalten genauer schauen sollten und was Eltern tun können, wenn ihr Teenager gerade zu viel auf einmal tragen muss.

Katarina Gruler

Über die Autorin:
Katarina Gruler kennt die Herausforderungen mit Teenagern aus erster Hand – als langjährige Klassenlehrerin ebenso wie als Eltern-Coach. Mehr als zehn Jahre begleitete sie Jugendliche an einer Werkrealschule in Baden-Württemberg durch die wohl turbulenteste Zeit ihres Lebens: die Pubertät. Heute hilft sie als Eltern-Teen-Coach Müttern und Vätern dabei, wieder Zugang zu ihren Jugendlichen zu finden – mit einem klaren Blick für das, was Teenager wirklich brauchen und konkreten Wegen, wie Eltern sie dabei stärken können. Auf ihrem Instagram-Kanal @eltern_mit_teenager und ihrer Website eltern-mit-teenager.de teilt sie Impulse, die Eltern entlasten und Familien stärken.

Auf den Punkt gebracht

Emotionale Überforderung bei Teenagern ist nicht immer sofort erkennbar. Gerade Jugendliche, die nach außen ruhig, angepasst und zuverlässig wirken, können innerlich stark belastet sein. Umso wichtiger ist es, Veränderungen wahrzunehmen, nachzufragen und zuzuhören – ohne sofort eine Lösung parat haben zu müssen. Manchmal hilft schon das Gefühl: Da ist jemand, der sieht, wie es mir gerade geht.

Emotionale Überforderung ist nicht immer sichtbar

Es gibt Schülerinnen und Schüler, bei denen ich schon nach wenigen Minuten im Unterricht merke, dass etwas nicht stimmt, obwohl sie selbst kaum etwas sagen. Sie sitzen an ihrem Platz, haben ihr Material dabei, arbeiten mit, stören nicht und würden wahrscheinlich auf die Frage, wie es ihnen geht, mit einem kurzen „Gut“ antworten. Und genau diese Kinder sind es, bei denen ich im Laufe meiner Jahre als Lehrerin gelernt habe, genauer hinzuschauen.

Denn emotionale Überforderung sieht bei Jugendlichen längst nicht immer so aus, wie wir Erwachsenen sie uns vorstellen. Sie ist nicht zwangsläufig laut, sie zeigt sich nicht immer in Wut, Tränen oder einem Rückzug und manchmal sieht man sie einem Jugendlichen überhaupt nicht an, weil er gelernt hat, trotzdem zu funktionieren.

Gerade die leisen, angepassten und zuverlässigen Schülerinnen und Schüler beschäftigen mich deshalb besonders.

Die Jugendlichen, die kaum auffallen

Ich habe für mich beobachtet, dass ausgerechnet diejenigen, die im Unterricht kaum auffallen, emotional sehr viel mit sich herumtragen KÖNNEN. Sie machen ihre Aufgaben, schreiben ihre Klassenarbeiten, melden sich vielleicht sogar regelmäßig und versuchen, niemandem zur Last zu fallen. Wenn etwas nicht funktioniert, suchen sie den Fehler häufig zuerst bei sich selbst und machen einfach weiter.

Bis es irgendwann nicht mehr geht.

Eine Kleinigkeit bringt das Fass zum Überlaufen

Manchmal ist es nur ein kleiner Moment, an dem plötzlich die Tränen kommen, weil eine Aufgabe nicht funktioniert, eine Note schlechter ausgefallen ist oder ein Mitschüler einen blöden Spruch gemacht hat. Von außen betrachtet scheint die Reaktion dann unverhältnismäßig zu sein, doch wenn man den Jugendlichen schon eine Weile kennt, merkt man häufig, dass es gar nicht um diesen einen Moment geht.

Der eine Satz, die schlechte Note oder die vergessene Hausaufgabe ist einfach nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Ich erinnere mich an Schülerinnen, bei denen ich irgendwann den Eindruck hatte, dass sie eigentlich nur noch versuchen, alles irgendwie zusammenzuhalten.

Schule, Freundschaften, Zukunft: Wenn alles gleichzeitig kommt

Schule soll funktionieren, Freundschaften sollen halten, zu Hause möchte man keinen zusätzlichen Ärger machen und gleichzeitig soll man irgendwie herausfinden, wer man selbst eigentlich ist. Dazu kommen die Veränderungen der Pubertät, der eigene Körper, der Vergleich mit anderen, soziale Medien, erste Beziehungen, Streit in Freundschaften und nicht selten auch die Frage, was später einmal aus einem werden soll.

Wenn all das gleichzeitig auf einen jungen Menschen trifft, kann es irgendwann einfach zu viel werden und trotzdem erwarten wir häufig, dass Jugendliche damit umgehen können, als wären sie kleine Erwachsene.

Hinter auffälligem Verhalten steckt oft mehr

Gerade in der Schule erlebe ich deshalb immer wieder Situationen, in denen ich mir bewusst machen muss, dass hinter einem Verhalten etwas anderes stecken kann, als ich auf den ersten Blick vermute.

Ein Jugendlicher, der seine Aufgaben nicht macht, ist nicht automatisch faul.

Ein Mädchen, das sich plötzlich zurückzieht, ist nicht zwangsläufig desinteressiert.

Bitte versteht mich nicht falsch: Es bedeutet natürlich nicht, dass plötzlich jede Grenze wegfallen sollte. Im Gegenteil. Emotional überforderte Jugendliche brauchen Regeln, Verlässlichkeit und Erwachsene, die ihnen Orientierung geben. Aber für mich macht es einen großen Unterschied, ob ich nur auf das Verhalten schaue oder mich zusätzlich frage, was dahinterstecken könnte.

Ich versuche deshalb, mir im Alltag immer wieder die Frage zu stellen: „Was braucht dieser junge Mensch gerade, damit er wieder handlungsfähig werden kann?”

Manchmal braucht es tatsächlich eine klare Ansage. Manchmal braucht es aber auch fünf Minuten Ruhe, ein kurzes Gespräch nach dem Unterricht oder einfach einen Erwachsenen, der bemerkt, dass heute etwas anders ist als sonst.

Welche Rolle Schule und Lehrkräfte spielen können

Und genau darin sehe ich auch eine wichtige Aufgabe von Schule.

Lehrerinnen und Lehrer sind keine Therapeutinnen und Therapeuten und sie können und sollen psychische Belastungen nicht alleine auffangen. Aber wir verbringen viele Stunden mit Jugendlichen und erleben sie in ganz unterschiedlichen Situationen. Dadurch können wir Veränderungen wahrnehmen, die Eltern vielleicht gar nicht sehen, weil ein Teenager zu Hause anders ist als in der Schule.

Ich finde es deshalb so wichtig, dass wir Jugendlichen nicht nur beibringen, Leistung zu erbringen, sondern ihnen auch vermitteln, dass es in Ordnung ist, wenn nicht immer alles funktioniert, denn gerade die Jugendlichen, die nach außen so gut funktionieren, bekommen häufig besonders wenig Aufmerksamkeit. Bei ihnen denken wir schnell: Das Kind hat alles im Griff.

Vielleicht hat es aber auch einfach gelernt, sich nichts anmerken zu lassen.

Anzeichen für emotionale Überforderung bei Teenagern

Für mich beginnt es gar nicht unbedingt mit einer Lösung. Viel wichtiger ist zunächst einmal, überhaupt wahrzunehmen, dass sich etwas verändert hat.

Wenn (d)ein Kind plötzlich ...

  • viel stiller ist,
  • schneller gereizt reagiert,
  • sich zurückzieht,
  • schlechter schläft,
  • häufiger Streit sucht oder
  • Dinge, die früher selbstverständlich waren, plötzlich nicht mehr schafft,

... würde ich nicht sofort fragen: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ Ich würde eher versuchen, neugierig zu bleiben und herauszufinden, was gerade hinter diesem Verhalten steckt.

Was Eltern tun können, wenn ihrem Teenager alles zu viel wird

Überforderung erkennen und ansprechen

Eine Frage, die ich selbst oft nutze und besonders hilfreich finde, ist: „Was ist gerade einfach zu viel für dich?“

Diese Frage lässt einem Jugendlichen mehr Raum, als wenn wir direkt nach dem Grund für ein bestimmtes Verhalten fragen.

Vielleicht weiß er selbst noch gar nicht genau, was ihn belastet. Vielleicht kommt erst einmal ein „Keine Ahnung“ oder „Nichts“. Und das ist vollkommen ok, denn es geht nicht um die Antwort, sondern vielmehr ums „Gesehen werden“.

Jugendliche möchten oft einfach, dass jemand zuhört, ohne sofort zu erklären, was sie anders machen sollten.

Zuhören oder gemeinsam eine Lösung suchen?

Eine weitere Frage, die ich gern nutze, ist: „Möchtest du, dass ich dir einfach zuhöre, oder sollen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen?“

Diese Frage ist für mich unglaublich wertvoll, weil sie einem Jugendlichen das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden und gleichzeitig selbst mitentscheiden zu dürfen, was er gerade braucht.

Natürlich können wir unseren Kindern nicht jede Schwierigkeit aus dem Weg räumen. Das wäre auch gar nicht hilfreich, denn Selbstvertrauen entsteht nicht nur dadurch, dass immer jemand kommt und ein Problem für mich löst. Selbstvertrauen entsteht auch dann, wenn ich merke: Ich hatte eine schwierige Situation und habe sie trotzdem geschafft.

Unterstützung geben und trotzdem Vertrauen schenken

Genau diese Balance finde ich als Erwachsene manchmal schwierig. Wir wollen unsere Kinder schützen, gleichzeitig sollen sie lernen, mit Schwierigkeiten umzugehen. Wir wollen ihnen Sicherheit geben, ohne ihnen jede Herausforderung abzunehmen.

Und vielleicht besteht unsere Aufgabe deshalb weniger darin, das Leben unserer Jugendlichen möglichst problemfrei zu machen, sondern ihnen zu vermitteln: Du musst das nicht alles alleine schaffen, aber ich traue dir gleichzeitig zu, dass du vieles selbst schaffen kannst.

Warum Jugendliche heute so viel gleichzeitig bewältigen müssen

Was mir dabei gesellschaftlich immer wieder fehlt, ist ein bisschen mehr Verständnis dafür, wie viel Jugendliche heute eigentlich gleichzeitig verarbeiten müssen. Wir sprechen sehr viel über Leistung, Zukunft, Noten, Abschlüsse und darüber, wie wichtig es ist, möglichst früh möglichst viel zu können.

Gleichzeitig erwarten wir von jungen Menschen, dass sie emotional stabil, sozial kompetent, selbstbewusst und selbstverständlich auch noch medienkompetent sind.

Dabei befinden sie sich gerade mitten in einer Entwicklungsphase, in der sich unglaublich viel verändert.

Ihr Gehirn entwickelt sich weiter, ihre Gefühle können intensiver werden und gleichzeitig müssen sie erst lernen, diese Gefühle einzuordnen und mit ihnen umzugehen. Dazu kommt eine Welt, in der sie durch soziale Medien ständig sehen können, was andere scheinbar besser, schöner, erfolgreicher oder glücklicher machen.

Hinsehen kann einen Unterschied machen

Auch Schule braucht dafür Zeit und Ressourcen. Wenn eine Lehrkraft 25 oder 30 Jugendliche vor sich sitzen hat, kann sie nicht bei jedem Kind täglich herausfinden, wie es emotional gerade aussieht. Dafür braucht es kleinere Lerngruppen, Schulsozialarbeit, Beratungsangebote und vor allem Erwachsene, die Zeit haben, Beziehungen zu Jugendlichen aufzubauen.

Denn manchmal verändert ein kurzes Gespräch mehr als eine weitere pädagogische Maßnahme.

Vielleicht sagt ein Jugendlicher am Ende eines solchen Gesprächs gar nicht viel. Vielleicht kommt nur ein Schulterzucken oder ein leises „Danke“. Aber vielleicht geht er danach mit einem anderen Gefühl nach Hause, weil da jemand war, der bemerkt hat, dass es ihm gerade nicht gut geht.

Und genau das wünsche ich mir für unsere Jugendlichen.

Dass wir nicht nur die sehen, die laut werden, stören oder ihre Überforderung deutlich zeigen, sondern auch diejenigen, die funktionieren, lächeln und trotzdem jeden Tag unglaublich viel mit sich herumtragen.

Denn manchmal braucht es gar nicht den großen Moment, in dem ein Kind zusammenbricht. Manchmal braucht es einfach einen Erwachsenen, der rechtzeitig hinschaut und denkt: „Irgendwas ist heute anders. Ich frage lieber einmal nach.”

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Veröffentlicht in Eltern-Ratgeber


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