„Neues Jahr, neues Glück“, sagt man ja so schön im Volksmund. Viele Menschen nehmen sich Vorsätze vor und auch Schülerinnen und Schüler setzen sich neue Ziele für die Schule und das Lernen. Ich erlebe es jedes Jahr im Klassenzimmer: Nach dem ersten Schultag wird lebhaft diskutiert, was man „dieses Jahr besser machen“ oder „in bestimmten Fächern steigern“ möchte. Doch wie realistisch ist es, diese Vorsätze wirklich umzusetzen?
Über die Autorin:
Katarina Gruler kennt die Herausforderungen mit Teenagern aus erster Hand – als langjährige Klassenlehrerin ebenso wie als Eltern-Coach. Mehr als zehn Jahre begleitete sie Jugendliche an einer Werkrealschule in Baden-Württemberg durch die wohl turbulenteste Zeit ihres Lebens: die Pubertät. Heute hilft sie als Eltern-Teen-Coach Müttern und Vätern dabei, wieder Zugang zu ihren Jugendlichen zu finden – mit einem klaren Blick für das, was Teenager wirklich brauchen und konkreten Wegen, wie Eltern sie dabei stärken können. Auf ihrem Instagram-Kanal @eltern_mit_teenager und ihrer Website eltern-mit-teenager.de teilt sie Impulse, die Eltern entlasten und Familien stärken.
Warum viele Ziele scheitern
Der Wille ist schon oft da. Was häufig fehlt, ist jedoch ein realistisches Verständnis davon, wie Lernen wirklich funktioniert.
Ich habe immer wieder das Gefühl, dass viele Schülerinnen und Schüler gar keine Vorstellung davon haben, wie man lernt und genau deshalb fällt es ihnen schwer, realistische Ziele zu setzen. Denn ein Ziel kann nur erreicht werden, wenn man weiß, wie man es erreicht. Wer immer nur die gleichen Methoden anwendet (und meistens besteht das im „Auswendiglernen“), erlebt schnell Frust, statt Fortschritt.
Für viele Jugendliche steht deshalb oft fest: Entweder ich kann etwas oder eben nicht. Dass Lernen erlernbar ist und es strategische Wege gibt, um Inhalte wirklich zu verstehen und anzuwenden, wissen die meisten schlicht nicht bzw. es wird ihnen kaum beigebracht.
Lernen lernen: Meine Methodenwoche
Fangen wir etwas weiter vorne im Schuljahr an. Ich habe aus diesem Grund nach den Sommerferien eine feste Methodenwoche eingeführt. Bevor wir fachlich einsteigen, geht es dort um eine viel grundlegendere Frage: Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir lernen?
In dieser Woche sprechen wir über unterschiedliche Lernstrategien, probieren Methoden aus und vor allem zeige ich den Jugendlichen, dass Lernen immer in zwei Phasen abläuft: zuerst Verstehen, dann Anwenden.
Meine Schülerinnen und Schüler sollen selbstständig, im jeweiligen Fach, feststellen können: In welcher Phase stecke ich gerade und was brauche ich jetzt?
Lernen in zwei Phasen: Verstehen und Anwenden
1. Phase: Verstehen
Verstehen bedeutet nicht, dass ein Text gelesen oder eine Erklärung gehört wurde. Es bedeutet, Inhalte erklären zu können, Zusammenhänge zu erkennen und zu wissen, warum ein Lösungsweg funktioniert.
Hilfreiche Methoden:
- Inhalte jemand anderem erklären
- Mit eigenen Worten erklären
- Mindmaps oder Skizzen erstellen
- Eigene Beispiele erfinden
- Warum-Fragen stellen
- Eselsbrücken bauen
2. Phase: Anwenden
Hier entscheidet sich, ob Wissen dauerhaft bleibt. Aufgaben eigenständig lösen, Fehler machen und daraus lernen, Wissen auf neue Aufgaben übertragen – das ist Anwenden. Viele Jugendliche überspringen diese Phase, indem sie nur Lösungen anschauen. Lernen passiert erst beim aktiven Tun.
Hilfreiche Methoden:
- Eigene Fragen stellen
- Stoff ins Heute übertragen
- Quizfragen und Lernkarten erstellen
- Alte Klassenarbeiten durchgehen
- Lernzettel schließen und aus dem Kopf arbeiten
- Aufgaben leicht abwandeln
Warum Wissen manchmal „verschwindet“
Wenn man versteht, wie Lernen in Verstehen und Anwenden funktioniert, wird auch klar, warum Wissen scheinbar verloren geht. Viele Schülerinnen und Schüler glauben, dass einmal gelerntes Wissen „für immer da ist“. In Wahrheit hängt die Stabilität des Wissens davon ab, wie oft und auf welche Weise es angewendet wurde.
Ich erkläre meinen Schülerinnen und Schülern gerne, dass das Gehirn wie eine große Bibliothek funktioniert. In den Regalen stehen Bücher zu Mathe, Englisch, Bio, Deutsch. Doch nur weil ein Buch im Regal steht, heißt das nicht, dass man es im richtigen Moment auch findet.
Wer ein Thema lange nicht wiederholt oder nur passiv liest, merkt schnell: „Das hatte ich mal, aber ich weiß nichts mehr.“ Das Wissen ist nicht verschwunden. Die Verbindungen im Gehirn sind nur schwächer geworden. Das Gehirn sortiert aus, was es lange nicht gebraucht hat.
Mit diesem Wissen können die Schülerinnen und Schüler nun realistische Lernziele setzen, statt sich an unerreichbaren Vorsätzen zu orientieren. Sie verstehen, woran sie konkret arbeiten können, nicht an ihrem „Können“, sondern an ihrem Lernprozess. Ziele werden dadurch greifbar, überprüfbar und vor allem machbar.
Realistische Lernziele statt großer Vorsätze
„Bessere Noten“ ist kein Ziel, sondern ein Wunsch. Gute Lernziele sind:
- konkret
- überprüfbar
- klein genug, um machbar zu sein
Hier kommen einige Beispiele:
- „Ich wiederhole Mathe zweimal pro Woche 20 Minuten.“
- „Ich erkläre mir neue Themen noch am selben Tag selbst.“
- „Ich übe mit alten Aufgaben statt nur zu lesen.“
Kleine, realistische Schritte sind wirksamer als große Vorsätze, die Druck erzeugen.
Lernmethoden: Qualität statt Quantität
Viele Jugendliche lernen viel, aber oft ineffektiv. Markieren, Abschreiben, stundenlanges Lesen fühlen sich sicher an, bringen aber wenig. Hier einige Beispiele für effizientes Lernen:
- aktives Abfragen statt passives Lesen
- kurze Lerneinheiten mit Pausen
- regelmäßige Wiederholungen
- Lernen ohne Ablenkung
Mein wichtigster Tipp zum Start in ein neues Lernjahr
Verändere eine Sache. Dafür konsequent. Lernen wächst nicht durch Vorsätze allein, sondern durch realistische Ziele, passende Methoden und Verständnis dafür, wie das Gehirn arbeitet. Erst wenn Schülerinnen und Schüler wissen, wie Lernen funktioniert, können sie ihre Ziele realistisch setzen und dauerhaft erreichen.
