In diesem Beitrag geht es um die emotionale Bedeutung von Zeugnissen, aus meiner Perspektive als Lehrerin. Warum Noten schnell zum Selbstbild werden und wie Eltern mit ihrer Haltung entscheidend dazu beitragen können, dass ihr Kind sich nicht über Leistung definiert. Am Ende findest du außerdem einen konkreten Gesprächsleitfaden für ein stärkendes Zeugnisgespräch

Katarina Gruler

Über die Autorin:
Katarina Gruler kennt die Herausforderungen mit Teenagern aus erster Hand – als langjährige Klassenlehrerin ebenso wie als Eltern-Coach. Mehr als zehn Jahre begleitete sie Jugendliche an einer Werkrealschule in Baden-Württemberg durch die wohl turbulenteste Zeit ihres Lebens: die Pubertät. Heute hilft sie als Eltern-Teen-Coach Müttern und Vätern dabei, wieder Zugang zu ihren Jugendlichen zu finden – mit einem klaren Blick für das, was Teenager wirklich brauchen und konkreten Wegen, wie Eltern sie dabei stärken können. Auf ihrem Instagram-Kanal @eltern_mit_teenager und ihrer Website eltern-mit-teenager.de teilt sie Impulse, die Eltern entlasten und Familien stärken.

Müssen wir wirklich alles benoten?

Vielleicht fange ich mit einer Frage an, die mich schon länger beschäftigt:

Müssen wir eigentlich wirklich alles benoten? Also wirklich alles? Auch das, was eigentlich aus Freude entsteht: Bewegung, Kreativität, Ausdruck?

Ich erlebe im Schulalltag nämlich etwas, das mich immer wieder nachdenklich macht. Mit der Übergabe der Zeugnisse kommt es auch zu Gesprächen im Klassenzimmer. Jugendliche in der Oberstufe erzählen mir, dass sie, als sie jünger waren, einfach gemalt haben. Getanzt. Geturnt. Gesungen. Einfach weil es ihnen Spaß gemacht hat.

Und dann kamen irgendwann Punkte dazu. Die Noten. Der Vergleich.

Mit dem Blick ins Zeugnis wird den Jugendlichen oft plötzlich das genommen, was sie früher ohne Vergleich, einfach aus Freude gemacht haben: Du bist nicht sportlich, musikalisch oder ein Künstler. Was als Rückmeldung gedacht ist, wird plötzlich oft ein Selbstbild.

Und manchmal – das beobachte ich wirklich oft – geht mit der Bewertung ein Stück Freude verloren. Nicht sofort. Aber schleichend.

Ein Zeugnis ist kein Blatt Papier, es ist ein Gefühl

Ich habe in meinem Lehrerleben viele Zeugnisse überreicht. Sehr viele. Und ich sehe jedes Mal die Gesichter. Stolz. Erleichterung. Enttäuschung. Manchmal auch Angst. Und ja, auch Tränen.

In solchen Momenten wird mir immer wieder klar: Ein Zeugnis ist für Kinder keine sachliche Information. Es ist Gefühl.

Ein Jugendlicher kommt am Zeugnistag nicht einfach mit einem Blatt Papier nach Hause. Er kommt mit seiner Geschichte.

Mit Stolz.

Mit Scham.

Mit innerem Druck.

Oder mit dieser leisen, aber sehr präsenten Frage: Schaffe ich den Abschluss?

Und was ich besonders häufig erlebe: Kinder fangen an, an sich zu zweifeln. Nicht nur an einer Mathearbeit. Nicht am Turnen am Reck. Nicht am verpatzten Englischkurztest, der auch noch unangesagt war. Sondern an sich als Person.

Aus „Ich habe eine Vier“ wird innerlich schnell „Ich bin nicht gut genug.“ Und das tut weh. Auch wenn dein Jugendlicher nach außen vielleicht locker wirkt.

Was Eltern oft nicht sehen – und das meine ich überhaupt nicht vorwurfsvoll – ist, dass Kinder ihre „schwachen Fächer“ selbst sehr genau kennen. Die müssen nicht noch einmal erklärt bekommen, wo es nicht gereicht hat. Das wissen sie.

Was sie meiner Erfahrung nach viel mehr brauchen, ist Sicherheit.

Also dieses Gefühl: Egal, was da auf dem Papier steht – meine Eltern stehen hinter mir, lieben mich und unsere Beziehung wackelt nicht.

Das Zeugnisgespräch beginnt nicht am Küchentisch

Viele Eltern glauben, das Zeugnisgespräch beginnt am Küchentisch. Ich glaube ehrlich gesagt, es beginnt viel früher: in der Haltung. Kinder spüren sofort, ob wir dieses Blatt Papier als Bewertung ihrer Person lesen oder es einfach als das sehen, was es letztendlich ist: als Momentaufnahme.

Wenn Eltern mich fragen, was sie am Zeugnistag tun sollen, sage ich oft:

Erst einmal durchatmen.
Nicht sofort analysieren.
Nicht vergleichen.
Nicht mit „Aber in Deutsch…“ anfangen.

Sondern erst einmal schauen: Wie geht es meinem Kind gerade? Denn es kommt nicht mit einer Note nach Hause. Es kommt mit einem Gefühl zu dir. Mit einem Gefühl sich gegenüber.

Und ich erlebe es immer wieder: Wenn Eltern zuerst dieses Gefühl sehen, dann kippt das Gespräch nicht. Dann entsteht Sicherheit. Sätze wie...
„Erzähl mal, wie war dieses Halbjahr für dich?“
Oder: „Wie fühlst du dich mit dem Zeugnis?“
... klingen vielleicht unspektakulär, aber sie machen einen riesigen Unterschied.

Erst wenn dein Kind merkt, dass es sich nicht verteidigen muss, wird es ehrlich. Dann kommen Dinge zum Vorschein, die im Zeugnis eben nicht stehen:
Überforderung.
Vergleich mit anderen.
Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen.
Oder auch Frust darüber, dass man sich angestrengt hat und es trotzdem nicht sichtbar wird.

Leistung ist nicht gleich Entwicklung

Und ja, ich frage mich schon manchmal, ob wir als System genug unterscheiden zwischen Leistung und Entwicklung. Zwischen Ergebnis und Prozess. Zwischen „Wie gut bist du?“ und „Wie sehr bist du gewachsen?“

Ein Zeugnis zeigt einen Ausschnitt. Nicht mehr.

Es zeigt nicht, wie sehr sich dein Kind anstrengt.
Es zeigt nicht, wie sehr dein Kind vielleicht innerlich kämpft.
Und es zeigt auch nicht, wie viel Leidenschaft vielleicht leiser geworden ist, weil sie bewertet wurde.

Es misst eben nur das, was sichtbar ist. 

Ich möchte aber klarstellen, dass Gelassenheit für mich deshalb nicht heißt, dass Noten egal sind. Natürlich sind sie relevant. Natürlich haben sie Konsequenzen. Wir haben nun mal dieses Bewertungssystem. Das können wir nicht beeinflussen. Aber unser Umgang, unsere Haltung ihnen gegenüber, können wir sehr wohl beeinflussen.

Deshalb heißt für mich Gelassenheit, Noten einzuordnen. Als Standort, nicht als Urteil.

Erst das Kind, dann das Zeugnis

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, ganz persönlich, dann das:

Dass Eltern am Zeugnistag zuerst ihr Kind anschauen. Nicht das Zeugnis.
Dass sie vielleicht sogar sagen: „Schön, dass du da bist.“
Bevor sie sagen: „Zeig mal.“

Denn wenn Kinder spüren, dass sie nicht an Leistung gebunden geliebt werden, dann entsteht etwas unglaublich Starkes: innere Sicherheit. Und aus dieser Sicherheit heraus können sie lernen. Wachsen. Sich entwickeln. Viel nachhaltiger als aus Angst.

Das ist zumindest das, was ich in meinem Klassenzimmer immer wieder erlebe. Und genau deshalb halte ich diesen Moment für so entscheidend.

Eine Bewertung ist nicht der Wert eines Menschen

Am Ende möchte ich nochmal meine Ausgangsfrage aufgreifen: Müssen wir wirklich alles benoten? Auch das, was eigentlich aus Freude entsteht?

Wie bereits erwähnt, haben wir dieses Bewertungssystem. Und vielleicht können wir das System nicht von heute auf morgen verändern. Vermutlich werden Bewegung, Kreativität und Ausdruck weiterhin in Zahlen übersetzt.

Aber wir können verhindern, dass diese Zahlen das Selbstbild unserer Kinder bestimmen. Wir können unterscheiden zwischen einer Bewertung und einem Wert. Zwischen einer Note und einem Menschen.

Und vielleicht liegt genau darin unsere Aufgabe als Eltern: Nicht jede Bewertung größer werden zu lassen als das Kind selbst. Und wenn Kinder am Zeugnistag spüren: „Ich bin mehr als diese Zahl“, dann haben wir vielleicht genau das getan, was wirklich zählt.

Zum Weiterlesen

Wie machen wir Jugendliche innerlich stabil , damit sie Rückmeldungen einordnen können, ohne sich selbst infrage zu stellen? Darum geht es mir auch in meinem eBook „Stärke das Selbstbewusstsein deines Teenagers“. Denn Noten wird es geben. Aber Selbstzweifel müssen nicht automatisch dazugehören.

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Veröffentlicht in Eltern-Ratgeber


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