Viele Eltern kennen diese Situation: Der Teenager sitzt vor den Hausaufgaben, aber es passiert einfach nichts. Schnell entsteht dann der Eindruck, dass schlicht die Motivation fehlt. Doch in vielen Fällen steckt etwas anderes dahinter. Jugendliche scheitern häufig nicht am Lernen selbst, sondern an bestimmten Hürden im Lernprozess. In diesem Artikel möchte ich zeigen, welche drei typischen Lernblockaden ich im Schulalltag immer wieder beobachte – und wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können, diese Hürden Schritt für Schritt zu überwinden.

Katarina Gruler

Über die Autorin:
Katarina Gruler kennt die Herausforderungen mit Teenagern aus erster Hand – als langjährige Klassenlehrerin ebenso wie als Eltern-Coach. Mehr als zehn Jahre begleitete sie Jugendliche an einer Werkrealschule in Baden-Württemberg durch die wohl turbulenteste Zeit ihres Lebens: die Pubertät. Heute hilft sie als Eltern-Teen-Coach Müttern und Vätern dabei, wieder Zugang zu ihren Jugendlichen zu finden – mit einem klaren Blick für das, was Teenager wirklich brauchen und konkreten Wegen, wie Eltern sie dabei stärken können. Auf ihrem Instagram-Kanal @eltern_mit_teenager und ihrer Website eltern-mit-teenager.de teilt sie Impulse, die Eltern entlasten und Familien stärken.

Ursachen für Motivationsprobleme: Was wirklich dahinter steckt

„Mein Teenie hat einfach keine Lust zum Lernen.“ Diesen Satz höre ich in Gesprächen mit Eltern erstaunlich häufig. Und ehrlich gesagt kann ich ihn gut nachvollziehen, da das Verhalten eines Jugendlichen oft so wirkt, als fehle einfach jegliche Motivation. Wenn ein Jugendlicher vor seinen Hausaufgaben sitzt, aufs Handy schaut, seufzt, aufsteht, sich noch etwas zu trinken holt und am Ende scheinbar nichts passiert ist, wirkt es tatsächlich so und ich erlebe das im Unterricht oft nicht anders.

Nach vielen Jahren als Lehrerin, besonders mit Abschlussklassen, habe ich jedoch etwas anderes gelernt: Teenager sind erstaunlich selten wirklich unmotiviert. Was von außen wie Unlust aussieht, ist oft etwas ganz anderes: Überforderung, Angst zu scheitern, fehlende Struktur oder ein Einstieg, der viel zu groß wirkt. Mit anderen Worten: Viele Jugendliche sind nicht faul. Sie sind schlichtweg blockiert. Genau diese Blockaden wirken für uns Erwachsene oft schnell wie mangelnder Wille.

In einem anderen Artikel habe ich bereits darüber geschrieben, welche Faktoren Motivation bei Jugendlichen stärken können. In diesem Beitrag möchte ich den Blick einmal bewusst umdrehen und zeigen, wo Motivation häufig scheitert und wie wir als Eltern helfen können. Sehr häufig sind es nämlich drei Dinge, die mir im Laufe meines Lehrerseins aufgefallen sind, die zu Unlust führen:

  • der Start,
  • die Struktur
  • und die wachsende Selbstständigkeit.

Genau hier setze ich mit meinem folgenden Text an: beim Start, bei der Struktur und bei der Selbstständigkeit. Kleine Schritte, klare Strukturen und Wahlmöglichkeiten helfen, Blockaden zu lösen und echte Motivation entstehen zu lassen.

1. Der Start: Wenn der Anfang zu groß wirkt

Vor ein paar Wochen saß ein Schüler in meiner Klasse vor einem Arbeitsblatt. Der Stift lag neben ihm, das Blatt lag vor ihm, aber seit mehreren Minuten hatte er nichts geschrieben. Ich habe mich schließlich zu ihm gesetzt und gefragt:

„Warum fängst du nicht an mit Arbeiten? Was genau ist gerade schwierig für dich?“

Er zuckte nur mit seinen Schultern und sagte nur: „Alles.“

Für ihn war diese Aufgabe kein erster Schritt. Sie war ein großer Berg. Also habe ich etwas gemacht, das zunächst ziemlich unspektakulär klingt. Wir haben nur die erste Aufgabe markiert. Nicht gelöst. Nur markiert.

Anschließend hat er die markierte Aufgabe gelesen. Dann seinen ersten Satz geschrieben. Am Ende der Stunde hatte er tatsächlich mehrere Aufgaben geschafft.

Die Lernforscherin Vera F. Birkenbihl hat genau dieses Prinzip immer wieder beschrieben. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf kleine Erfolgserlebnisse. Sie lösen Dopamin aus und Dopamin wiederum sorgt dafür, dass Motivation entsteht.

Das bedeutet: Motivation kommt erstaunlich oft erst nach dem ersten Schritt. Nicht davor. Wenn ein Teenager also sagt: „Ich habe keine Lust“, steckt dahinter manchmal eher einfach die Frage: Wie soll ich überhaupt anfangen? Denn der Anfang ist meistens die größte Hürde.

Was Eltern in solchen Momenten tun können

Wenn dein Kind vor einer Aufgabe sitzt und nicht anfängt, hilft es oft, den Einstieg radikal zu verkleinern. Lass es nur lesen. Manchmal reicht ein Satz wie: „Lies erstmal nur die erste Aufgabe laut vor.“ Oder: „Markiere kurz, was du schon verstehst und schreibe den allerersten Satz.”

Ein 5-Minuten-Timer oder ein kleines Gedanken-Parkbuch kann zusätzlich helfen, dass der Kopf frei wird. Das wirkt auf den ersten Blick sehr simpel. Aber genau dadurch wird aus einem Berg plötzlich eine kleine Stufe. Und Stufen lassen sich deutlich leichter gehen.

Im Zusammenhang mit Selbstorganisation gibt es noch einen interessanten Gedanken aus der Lernpsychologie. Der Psychologe Peter Gollwitzer hat untersucht, warum Menschen Dinge oft aufschieben, selbst wenn sie eigentlich wissen, dass sie anfangen sollten. Seine Forschung zeigt: Viele Vorhaben scheitern nicht an fehlender Motivation, sondern daran, dass der Moment des Beginnens zu unklar bleibt.

Statt nur zu sagen: „Ich muss heute noch lernen"hilft manchmal, den Plan ganz konkret zu formulieren. Zum Beispiel: „Nach dem Abendessen setze ich mich an meinen Schreibtisch und beginne mit Mathe Aufgabe 1.“

Diese scheinbar kleine Veränderung kann erstaunlich viel bewirken. Das Gehirn muss dann nicht mehr überlegen, ob oder wann es losgeht, denn der Startpunkt steht bereits fest. Gerade für Jugendliche, die sich mit dem Anfangen schwer tun, kann ein solch klarer Startmoment hilfreich sein.

2. Die Struktur: Wenn die Aufgabe wie ein großer Berg wirkt

Ein zweites Muster sehe ich im Unterricht ebenfalls häufig. Nämlich die fehlende Struktur im Aufteilen von Aufgaben. Auch hierzu möchte ich eine Geschichte aus dem Unterricht mit dir teilen, damit du dir besser vorstellen kannst, was ich darunter verstehe.

Eine Schülerin schaute auf ihr Arbeitsblatt, legte sofort den Stift weg und sagte: „Das schaffe ich nie, das ist viel zu viel.“ Das Arbeitsblatt bestand aber eigentlich nur aus fünf Aufgaben. Keine davon war besonders schwierig und den Kindern auch bekannt. Aber das Mädchen war völlig überfordert.

Wir haben dann gemeinsam etwas ganz Einfaches gemacht: Sie hat jede Aufgabe einzeln auf kleine Zettel geschrieben. Danach hat sie die Zettel nacheinander bearbeitet. Plötzlich wirkte das Ganze nicht mehr wie ein riesiger Berg, sondern wie fünf kleine machbare Schritte. Am Ende der Stunde waren vier Zettel erledigt und sie selbst war ziemlich überrascht darüber.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön: Struktur verändert die Wahrnehmung der Aufgabe. Motivation entsteht auch durch klare Strukturen. Ohne Plan und Übersicht fühlen sich viele Jugendliche überfordert und wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Ein strukturierter Tages- oder Wochenplan, der auch Pausen und Belohnungen enthält, gibt Sicherheit und Orientierung.

Maria Montessori sagte: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Es geht also nicht um noch mehr Erklärungen. Was Kindern oft fehlt, ist eben eine klare Struktur, die die Aufgabe in überschaubare Abschnitte teilt. Wenn Aufgaben in kleine, sichtbare Schritte zerlegt werden, wird der Fortschritt direkt greifbar. Das Gehirn registriert die Etappen als machbar und Motivation entsteht fast automatisch.

Was Eltern in solchen Momenten tun können

Statt Aufgaben komplett zu erklären, kann es helfen, gemeinsam eine Struktur zu schaffen. Zum Beispiel indem ihr gemeinsam eine Reihenfolge festlegt oder ein Zeitfenster plant.

Manchmal kann es außerdem helfen, das Lernen mit etwas Angenehmen zu verbinden. In der Motivationsforschung spricht man hier von „Temptation Bundling“. Die Idee dahinter ist eigentlich simpel: Man koppelt etwas, das erledigt werden muss, mit etwas, das man gern macht.

Bei mir dürfen die Schüler*innen deshalb öfters etwas Naschen oder leise Musik hören, wenn sie an ihren Aufgaben arbeiten. Auch können sie sich oft einen für sie angenehmen Ort zum Lernen aussuchen.

Solche kleinen Rituale können einen großen Unterschied machen, weil Lernen plötzlich nicht mehr nur mit Anstrengung verbunden ist, sondern mit etwas Angenehmen.

3. Die Selbstständigkeit: Wenn Selbstständigkeit noch wachsen muss

Ein dritter Punkt wird beim Thema Motivation oft unterschätzt. Viele Jugendliche haben nie wirklich gelernt, wie selbstständiges Arbeiten funktioniert. Sie haben gelernt, Aufgaben zu erledigen, wenn jemand daneben sitzt. Oder wenn sehr klar vorgegeben wird, was zu tun ist.

Aber Dinge wie ...

  •  Prioritäten setzen,
  • sich selbst organisieren
  • oder einen Einstieg finden 

... sind Fähigkeiten, die sich erst mit der Zeit entwickeln. Motivation wächst also, wenn Jugendliche selbst entscheiden können, wie und wann sie lernen.

Selbstständigkeit ist ein Lernprozess, der Zeit und Geduld braucht. Eltern und Lehrkräfte sollten deshalb nicht nur Aufgaben vorgeben, sondern Jugendliche ermutigen, eigene Lösungen zu finden und Verantwortung zu übernehmen.

Wichtig ist, dass Jugendliche erleben, dass ihre Entscheidungen Wirkung zeigen und sie dadurch selbstwirksam sind. Das stärkt das Selbstvertrauen und die Motivation nachhaltig.

Die Psychologin Carol Dweck, die viel zum sogenannten „Growth Mindset“ geforscht hat, beschreibt genau das: Fähigkeiten entstehen nicht durch Druck, sondern durch Übung und Erfahrung. Selbstständigkeit wächst also Schritt für Schritt.

Was Eltern in solchen Momenten tun können

Eine einfache Möglichkeit, Jugendliche dabei zu unterstützen, sind kleine Wahlmöglichkeiten. Statt zu sagen: „Du musst jetzt lernen,“ kann diese Frage manchmal mehr bewirken:

„Willst du zuerst mit Mathe oder Englisch anfangen?“ 
Oder: „Möchtest du mit der leichteren oder mit der schwierigeren Aufgabe beginnen?“

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber psychologisch verändert es etwas Entscheidendes. Der Jugendliche erlebt sich nicht mehr nur als jemand, der Anweisungen bekommt, sondern als jemand, der Entscheidungen trifft. Und genau dort beginnt die Selbstständigkeit.

Die eine Frage, die viele Konflikte verhindert

Im Laufe der Jahre habe ich eine Frage entdeckt, die sowohl im Klassenzimmer als auch zu Hause erstaunlich gut funktionieren kann. Statt zu sagen: „Du musst jetzt anfangen.“ kann man fragen:

„Was wäre der kleinste Schritt, mit dem du anfangen könntest?“
Oder: „Was würde dir gerade helfen, anzufangen?“

Diese zwei Fragen verändern sich von einem Machtkampf zur Zusammenarbeit. Und genau dort beginnt oft Bewegung.

Der wichtigste Gedanke zum Schluss

Viele Eltern wünschen sich motivierte Kinder. Und ich verstehe das gut. Schule kann anstrengend sein. Hausaufgaben können Konflikte auslösen. Und irgendwann entsteht schnell der Eindruck, dass ein Jugendlicher einfach keine Lust hat.

Doch nach vielen Jahren im Klassenzimmer habe ich etwas anderes beobachtet. Die meisten Jugendlichen wollen eigentlich vorankommen. Nur stehen sie manchmal an Punkten, an denen sie nicht wissen, wie. Der Anfang wirkt zu groß. Die Aufgabe wirkt zu unübersichtlich. Oder sie haben noch nicht gelernt, wie man Arbeit selbst organisiert. Und genau dort entsteht das, was wir dann „fehlende Motivation“ nennen.

Wenn wir jedoch an diesen drei Stellen ansetzen – beim Start, bei der Struktur und bei der Selbstständigkeit – verändert sich oft erstaunlich viel. Ich sehe das im Unterricht immer wieder.

Ein Schüler beginnt mit einem Satz. Eine Schülerin erledigt zwei Aufgaben statt keiner. Ein Jugendlicher entscheidet selbst, womit er anfängt. Das sind kleine Schritte. Aber genau aus solchen kleinen Schritten entsteht etwas, das wir Erwachsenen uns so sehr wünschen:

Jugendliche, die anfangen.
Nicht perfekt.
Nicht jeden Tag.
Aber immer öfter aus eigener Entscheidung.

Und genau dort beginnt echte Motivation.

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Veröffentlicht in Eltern-Ratgeber


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