Juli Zeh: Corpus Delicti

Eine goldene Statue von Justicia

©pixabay - Sang Hyun Cho: justice-2060093_1280

Ob CSI, Blue Bloods oder auch der deutsche Tatort – ohne ein Corpus Delicti (lat. für „Körper des Verbrechens“) kommen diese Serien selten aus. Damit wird meist das entscheidende Beweisstück eines Verbrechens bezeichnet. In Juli Zehs dystopischem Roman Corpus Delicti wird der Begriff ganz wörtlich genommen. Der Körper wird zum Objekt des Verbrechens, und zwar nicht ein bestimmter Körper, sondern der Körper an sich. Dies allerdings nicht, indem er geschädigt wird, sondern indem jeder Schaden von ihm abgehalten werden soll. Klingt seltsam? Nach diesem Artikel wirst du es verstehen.

Corpus Delicti – Zum Hintergrund

Juli Zeh verfasste den Roman vor dem Hintergrund einer von ihr beobachteten Tendenz der Gesellschaft, den Körper immer mehr zum Objekt der Perfektionierung zu machen – nicht nur in individueller Hinsicht (beispielsweise durch Fitnesstraining), sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht (beispielsweise durch das Tracking von Gesundheitsdaten durch Krankenversicherungen).

Zeh sieht darin eine Überbewertung der Gesundheit:

Wir neigen alle ein bisschen zu so einer Körperegozentrik, als wäre tatsächlich Gesundheit das höchste Gut. Wenn man sich mal überlegt, was dann alles nicht die höchsten Güter sind, so etwas wie Liebe, Solidarität vielleicht, Verantwortung für andere und so weiter, dann wird […] schnell klar, was damit gemeint ist. Menschen, die sich sehr stark auf ihren Körper fixieren, da hängen dann so Begriffe dran […] wie Schönheit, Jugend, Leistung, Fitness, alles sehr kapitalistische Begriffe. Das ist einfach eine stark ichbezogene egozentrische und irgendwie sozialfeindliche Haltung, von der ich einfach nicht glaube, dass die für den Menschen als Sozialwesen besonders adäquat oder auch nur vernünftig ist. (Juli Zeh in einem Deutschlandfunk-Interview [08. 01. 2012])

In ihrem Roman veranschaulicht Juli Zeh, was passiert, wenn die Gesundheit zum einzig bedeutsamen Gut erklärt wird. Dazu entwirft sie mit dem METHODEN-Staat eine Gesundheitsdiktatur, die eine totale Überwachung der Menschen und ihrer Körper mit dem Ideal rechtfertigt, dass ein gutes Leben nur ein gesundes Leben ist. Die Bürgerinnen und Bürger sind zu einem Fitnessprogramm verpflichtet, das sie gesund hält, ihre Gesundheitsdaten werden überwacht, Rauchen ist natürlich verboten. Wer körperschädliches Verhalten an den Tag legt, macht sich strafbar. Privatsphäre und Selbstbestimmung sind insofern weitgehend abgeschafft. Die meisten Menschen folgen bereitwillig der staatlichen Ideologie, zumal man kaum von einer freien Presse sprechen kann.

Corpus Delicti – Zusammenfassung

Der Roman von Juli Zeh umfasst 50 Kapitel. Er besteht nicht aus einer linear erzählten Handlung, sondern kombiniert zwei Zeitebenen. Auf der ersten Zeitebene geht es um die Protagonistin Mia: Sie entwickelt sich nach dem Tod ihres Bruders Moritz von einer systemtreuen Fürsprecherin der METHODE zu einer scharfen Kritikerin des Systems. Auf der zweiten, früheren Zeitebene steht die Beziehung Mias zu ihrem Bruder im Mittelpunkt, der innerhalb des unterdrückerischen Systems ein freies Leben zu führen versuchte, dann aber zum Opfer der repressiven METHODE wird.

Übersicht über die Handlung

Mitte des 21. Jahrhunderts herrscht die Ge­sund­­heits­dikta­tur der Methode. Deren Ideologie definiert die Ge­sundheit als oberstes Ziel. In einer Voraus­schau wird die Biologin Mia Holl als Terroristin zum Einfrieren ver­ur­teilt

Zu Beginn der eigent­li­chen Handlung wird Mia wegen Ver­stö­ßen gegen Ge­sundheitsauflagen vor Gericht geladen. Sie trau­ert um ihren Bruder Moritz, der in Haft Suizid begangen hat.

Mia wirft Heinrich Kramer, dem Sprachrohr der Methode, vor, mittels einer Pressekampagne zu Moritz’ Verur­teilung und so zu dessen Selbstmord beigetragen zu haben. Moritz ist auf­grund eines positiven DNA-Tests zum Ein­frieren verurteilt worden, nachdem eine seiner Damen­bekannt­schaften ermordet auf­gefunden worden war. Kramer be­hauptet, dass der DNA-Test nicht angezwei­felt werden könne, wie überhaupt die Herr­schaft der Methode auf Ver­nunft beruhe. Vielmehr trage Mia eine Mitschuld, da sie die Angelschnur, mit der Moritz sich er­hängt hat, ins Ge­fängnis geschmuggelt habe. Mias innerer Kon­flikt wird deutlich: Soll sie sich von der Methode distanzieren, die sie für alternativ­los hält, oder die Schuld ihres Bruders akzeptieren?

Weil Mia Auflagen des Gerichts ignoriert, wird sie vor­­gela­den. Sie erklärt ihr Verhalten zur Privatangelegenheit, was gegen Methoden-Prinzipien verstößt. Mia wird verwarnt. Zu Hause er­innert sie sich an Treffen mit Moritz im Sperrgebiet jenseits der Stadt. Weil sie da­bei raucht, wird ein Strafprozess eingeleitet.

Pflichtverteidiger Rosentreter bringt Mia dazu, die verhäng­te Geldstrafe auf der Basis einer Härtefallregelung anzufechten. Vergeblich versucht sie, in den Alltag zurückzufinden. Im Fern­sehen hetzt Kramer gegen Systemkritiker und greift dabei auch Mia an. Diese denkt an Gespräche mit Moritz über das We­­sen des Menschen. Für ihn bedeutete Menschsein, eigene Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, z. B. auch für einen Selbstmord. Vor Ge­richt scheitert Rosentreters Strategie, Mia wird verurteilt.

Rosentreter offenbart sich wegen einer verbotenen Liebes­bezie­hung als erbitterter Systemgegner. Er rät Mia, in die nächste Instanz zu gehen, und will Moritz’ Un­schuld be­weisen. Kramer betont ihnen gegenüber die Rechtmäßigkeit der Verurteilung. Mia er­zählt beiden von der ge­heil­ten Leu­kä­mieerkrankung des Bruders. Kramer kon­stru­iert in der Zeitung eine Ver­bindung zwischen Moritz’ Suizid und der angeb­lichen Anschlagsdro­hung von Terroristen. Mia hin­ter­fragt ihre bisherige System­­treue. Eine Rück­blen­de zeigt Moritz’ Verhaftung in Mias Beisein. Auch Mia wird als Methoden­feindin festgenommen.

Vor Gericht gelingt es Rosentreter, Moritz’ Schuld in Zweifel zu ziehen: Dessen DNA war seit seiner Heilung mit der seines Knochenmarkspenders identisch. Mia wird aufgrund einer Härte­fallregelung freigelassen und stellt öffentlich die Legitimität des Systems infrage. Die Unzufriedenheit im Staat wächst.

Gegen Rosentreters Rat opponiert Mia gegen die Methode. In einem Kramer diktierten politischen Bekenntnis fordert sie Selbst- statt Fremdbestimmung und Indi­vi­dua­lität statt erzwun­gener Normalität. Wenig spä­ter ver­haf­tet der Me­thodenschutz Mia. Ihr Bekenntnis erregt Auf­sehen, ihr Anwalt mahnt aber zur Besonnenheit. Mia glaubt, zur Integrationsfigur der Opposi­tion zu werden, und hat kaum Zweifel an ihrer Freilassung.

Mia wird wegen „methodenfeindlicher Umtriebe“ der Prozess ge­macht. Rosentreter verzichtet auf eine aktive Verteidigung. Die Verhandlung wird mehrfach von Protes­ten gestört. Mia ruft die Anwesenden dazu auf, entweder das System zu stürzen oder zu schweigen. Abschließend verkündet der Richter das bereits fest­­stehende Urteil. Die Urteilsvollstreckung wird in letzter Sekun­de abgebrochen, da die Regierung Mia begnadigt, um aus ihr kei­ne Märtyrerin zu machen. Stattdessen soll sie umerzogen werden.

Im Fernsehen kündigt Kramer einen Vernichtungsfeldzug ge­gen die Opposition an. Mia drängt er im Gefängnis vergeblich da­zu, ein fal­sches Geständnis zu unterschreiben, das sie und Moritz als Anführer einer Terrorgruppe ausweist. Kramer lässt das Ge­rücht streuen, Mias Gruppe habe einen Giftgas­angriff geplant, und setzt sie mit manipulierten Beweismitteln und Zeugen unter Druck. Die öffentliche Unterstützung für Mia bricht zusam­men. Kramer bietet Mia für die Unterschrift unter das Geständnis eine Straf­milderung an. Sie wird gefoltert, ver­wei­gert aber weiterhin die Unterschrift. Brutal entfernt sie aus ih­rem Arm den Über­wachungs-Mikrochip und erklärt sich für frei.

Corpus Delicti in zwei Sätzen

Die systemtreue Mia wird nach dem Tod ihres Bruders zur entschiedenen Gegnerin der Gesundheitsdiktatur, in der sie lebt. Am Ende wird sie zum Opfer der harten Repressionen des Staates, der keine anderen Meinungen zulassen will.

Die Interpretation von Juli Zehs Corpus Delicti

STARK erklärt: Corpus Delicti in 4 Minuten

Der Grundkonflikt

Der Grundkonflikt zwischen Freiheit und Gesundheit wird von den beiden Figuren Mia und Kramer verkörpert. Zunächst ist Mia noch Kramers Ideologie und dem von ihm geprägten Gesundheitsstaat verpflichtet, doch mehr und mehr wird sie zu seinem Gegenspieler.

Mias Entwicklung von einer Anhängerin des Systems zur Systemgegnerin:

Mias Entwicklung

Kramer greift auf verschiedenste Mittel zurück, um Mia zu stoppen. Schon gegen Moritz führte er eine Pressekampagne, und auch Mia verschont er damit nicht. Sein Ziel ist es, die Systemgegner zu diskreditieren und mundtot zu machen. Wie mächtig Kramer ist, zeigt sich daran, dass er überall Zutritt hat – zu den öffentlichen Kanälen ebenso wie zu Mias Gerichtsverhandlungen oder später zu ihrer Zelle. Gegen Ende des Romans wird seine Skrupellosigkeit immer deutlicher: Er manipuliert Beweise, die zu Mias Verurteilung führen sollen, und droht ihr gar mit Folter.

Der Methodenstaat als totalitäre Gesundheitsdiktatur

Schon das fiktive Vorwort Kramers verdeutlicht die Ausschließlichkeit, mit der die METHODE die Gesundheit zum alles überragenden Wert erhebt: „Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.“ (S. 7 f.) Wenn Gesundheit oberstes Staatsziel ist, verpflichtet dieser Satz zu konformem Verhalten. Andere Werte wie Mitbestimmung oder Selbstverwirklichung werden ebenso der Verabsolutierung der Gesundheit geopfert wie das Recht auf Privatheit und das Recht auf Freiheit. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür sind die Sensoren, die in den Toiletten der Menschen angebracht sind und die Konzentration der Magensäure messen. 

Die repressive Grundanlage des Systems zeigt sich insbesondere in der Art und Weise, wie mit Menschen umgegangen wird, die die staatlichen Vorgaben nicht erfüllen oder gar auf dem Recht auf Freiheit bestehen und sich gegen das System richten. Nicht ohne Grund werden Urteile nicht im Namen des Volkes, sondern in dem der METHODE gesprochen. Auch wenn der Anschein von Gewaltenteilung noch erhalten werden soll, so ist es doch offensichtlich, dass es sich um einen Staat ohne wirkliche Gewaltenteilung handelt. Die Medien werden von der METHODE beherrscht, und der Geheimdienst (der „Methodenschutz“) wird ohne Skrupel gegen Bürgerinnen und Bürger eingesetzt.

Corpus Delicti und die Corona-Pandemie

Im Zuge der Corona-Pandemie Anfang der 2020-er-Jahre wurde dem Roman von Juli Zeh von manchen Menschen eine überraschende Aktualität bescheinigt. Um die Gesundheit insbesondere der älteren Menschen zu schützen beziehungsweise um ihr Leben nicht zu gefährden, wurden zur Infektionskontrolle vorübergehend Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Auch wenn es diese Einschränkungen gab, blieb der demokratische Rechtstaat dabei im Unterschied zum Roman Corpus Delicti intakt. Auch wenn sich daher eine Gleichsetzung mit dem METHODEN-Staat verbietet, hält der Roman interessante Anknüpfungspunkte im Hinblick auf die Frage bereit, inwieweit wir zugunsten des Wertes Gesundheit bereit sind, andere Werte in den Hintergrund treten zu lassen. Auch die Frage, ab wann ein politisches System zu einem Unrechtsstaat wird, lässt sich anhand des Romans sehr gut diskutieren.

Interpretationen Deutsch | Juli Zeh: Corpus Delicti

Dieser Band unterstützt bei der Lektüre des Romans und vertieft das Verständnis. Damit ermöglicht die Interpretationshilfe eine optimale Vorbereitung auf Unterricht und Klausuren.

Der Band enthält:

  • Hintergrundinformationen zu Leben und Werk der Autorin
  • eine systematische Interpretation des Romans unter folgenden Aspekten: Aufbau und Struktur, Figuren, thematische Schwerpunkte, Erzählweise und Sprache, Gestaltungselemente
  • Interpretation von Schlüsselstellen, die auch in Klausuren oder im Abitur vorkommen könnten
  • Videos: Handlung des Romans und zur Analyse von epischen Texten
  • Glossar zu literarischen Fachbegriffen

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