Die ungeschminkte Wahrheit: Lehrermangel geht Lehrkräften an die Substanz

Ergebnisse der deutschlandweiten Lehrerumfrage des STARK Verlags machen die Auswirkungen des Personalmangels deutlich

An deutschen Schulen fehlen dutzende Lehrkräfte. Die zahlreichen unbesetzten Stellen müssen jedoch kompensiert werden. In erster Linie denkt man an die Auswirkungen der Mangelsituation für die Schülerinnen und Schüler. Große Klassen, Unterrichtsausfall, sinkendes Leistungsniveau. Doch wie wirkt sich der Lehrermangel überhaupt auf Lehrerinnen und Lehrer aus? Diese Frage stellte sich der STARK Verlag und startete eine Umfrage* mit knapp 4.000 teilnehmenden Lehrkräften. Die Ergebnisse zeigen bundesweit deutlich die Unzufriedenheit und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Grundsätzlich gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass an der eigenen Schule akuter Lehrermangel besteht.

STARK Umfrage Lehrermangel Diagramm Frage 4

Dadurch spürt eine deutliche Mehrheit, nämlich 73% der Befragten, nach eigener Aussage Auswirkungen. Über Unterrichtsausfall (73%) und mehr Krankheitsfälle im Kollegium (75%) beklagt sich der größte Anteil der Lehrkräfte. 59% gaben an, dass Förderangebote gestrichen würden. Für viele Lehrerinnen und Lehrer eine bedrückende Situation, wie eine der Befragten treffend beschreibt: „Man fühlt sich machtlos in diesem System und das macht extrem wütend und traurig. Denn ausgetragen wird das Ganze auf dem Rücken unserer Kinder.“

Lehrermangel macht Lehrer krank – von Burnout bis Dienstunfähigkeit

Dicke Luft im Lehrerzimmer: 77% der Befragten, die den Lehrermangel spüren, bemerken auch eine Veränderung im Umgang zwischen den Kollegen. Wiederum 81% davon haben die Ansicht, dass im Lehrerzimmer aufgrund des Personalmangels schlechte Stimmung herrscht. Auch der Zusammenhalt untereinander ist nicht mehr derselbe: 44% berichten über weniger gegenseitige Unterstützung. Die Frage, wie sich der Lehrermangel persönlich auswirkt, zeigt deutlich, dass Lehrerinnen und Lehrer zum Teil an der Belastungsgrenze sind.

STARK Umfrage Lehrermangel Diagramm Frage 10

81% der Teilnehmer der Umfrage, die vom Lehrermangel an der eigenen Schule betroffen sind, kämpfen mit psychischen und körperlichen Problemen und berichten von Burnout, Schlafstörungen, Zukunftsängsten und letztendlich Dienstunfähigkeit. Ein Statement einer Lehrerin verdeutlicht die Lage: „Bloß nicht krank werden. Und wenn doch? Geht man trotzdem arbeiten. Weil sonst die Schüler und die Fachkolleg*innen drunter leiden.“ Es herrscht subjektiv ein Gefühl der Ohnmacht und der Ausweglosigkeit. Viele Lehrkräfte fühlen sich ungerecht behandelt, ausgenutzt und von den Behörden „im Stich gelassen“. Nicht zu unterschätzen sind die vielen Vertretungsstunden, die aufgrund von Krankheitsausfällen vom Kollegium übernommen werden müssen. 69% geben Überstunden als zusätzliche Belastung an.

Individuelle Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler bleiben auf der Strecke

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Lehrermangel auf Schülerinnen und Schüler auswirkt. Dies bestätigen 95% der Befragten, die grundsätzlich Auswirkungen des Lehrermangels spüren. 88% davon sagen, dass für die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler weniger Zeit bleibt. Als weitere Folge des Lehrermangels sehen 78% sinkende Leistungen und Wissensdefizite an. Angesichts der Tatsache, dass mehr als 50% der Befragten durch den Lehrermangel weniger Zeit für die Unterrichtsvorbereitung und 47% Probleme beim Einhalten des Lehrplans haben, wundert das kaum. „Das Gefühl, dass nur die Fachvermittlung im Fokus zu stehen hat, wächst. Zeit für sonstige Inhalte, die im Unterrichtsalltag wichtig wären, fehlt oft“, klagt eine Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen.
Doch auch das Zwischenmenschliche hat seinen Stellenwert verloren, da dafür die nötige Zeit fehlt. Ein Lehrer beschreibt „...vermehrte Disziplinprobleme, da durch das ‚Lehrer-Hopping‘ den Schülerinnen und Schülern auch ‚feste Bezugspersonen‘ fehlen.“ Die Aussage eines anderen bekräftigt dies: „Die Zeit des ‚Kümmerns‘ um die Schüler schrumpft auf ein Minimum; problematische Fälle können nicht aufgefangen werden – aber genau das fordert die Gesellschaft/Politik.“

Quereinsteiger ohne Lehramtsqualifikation sind nicht die Lösung

Viele Schulen gleichen offene Stellen mit Quereinsteigern aus. Von allen Befragten geben 61% an, dass an ihrer Schule „Seiteneinsteiger ohne Lehramtsqualifikation“ unterrichten. Vergleicht man die Bundesländer untereinander, so antworteten die Befragten in Berlin (85%) am häufigsten mit „Ja“, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (83%) und Bremen (81%). „Nein“ hingegen fiel als Antwort am häufigsten in Baden-Württemberg (54%) und im Saarland (50%). Die wenigsten betrachten diese Option allerdings als Lösung des Problems. Nur 9% halten die vermehrte Einstellung von Seiteneinsteigern für sinnvoll.

Lehramtsberuf kein Traumjob mehr

Das positive Image des Traumjobs Lehrer oder Lehrerin ist schon lange nicht mehr das, was es schon einmal war. Eine der Befragten beschreibt die aktuelle Situation: „Der Lehrerberuf ist eigentlich mein Traumberuf. Allerdings stimmen die Bedingungen nicht mehr. Wir bekommen riesige Klassen. Der Lehrer soll dann alle individuell fördern! Das soll uns ein Politiker erst mal vormachen!“ Somit ist es nicht erstaunlich, dass 43% der Befragten angeben, dass sie den Job auf keinen Fall oder wahrscheinlich nicht weiterempfehlen würden. Der Wunsch nach Veränderung und vor allem Verbesserung im System Schule ist groß. Ein „Gefühl der extremen Überbelastung“ oder „gelegentlich Angst vor der Zukunft“ sind Aussagen von Lehrkräften, die die Missstände aufgrund des Lehrermangels zum Ausdruck bringen.

Der Appell der Lehrkräfte an die Bildungspolitik zu mehr Unterstützung, höherer Wertschätzung und effektiverer Planung kristallisiert sich deutlich aus den Umfrage- ergebnissen heraus. Es bleibt somit nur zu hoffen, dass sich in naher Zukunft an der belastenden Situation etwas ändern wird.

* Im Zeitraum vom 14. November bis 31. Dezember 2019 haben 3.973 Lehrer*innen, die deutschlandweit an Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen mit Sekundarstufe I oder II, Berufs-schulen und Sonderschulen unterrichten, an einer anonymen Online-Umfrage des STARK Verlags teilgenom-men. Die Umfrage wurde an Kundinnen und Kunden des STARK Verlags gesendet.

STARK Umfrage Lehrermangel Diagramm Frage 2

STARK Umfrage Lehrermangel Diagramm Frage 7

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